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Emily St. John Mandel

Das Licht der letzten Tage

  • Autor:Emily St. John Mandel
  • Titel: Das Licht der letzten Tage
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Paperback
  • Verlag:Piper Paperback
  • Datum:14 September 2015
  • Preis:14,99 EUR

 
»Das Licht der letzten Tage« von Emily St. John Mandel


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Die Welt wurde von einer Pandemie, der Georgischen Grippe, heimgesucht. Da die Inkubationszeit nur drei Tage beträgt und die Sterblichkeitsrate um die 99% liegt, dauert es daher auch nicht lange bis die Erde quasi entvölkert ist. Einige der wenigen Überlebenden haben sich zusammengeschlossen und ziehen als fahrende Symphonie, eine Kombination aus Orchester- und Theatergruppe, durch das verlassene Amerika und führen Shakespeare Stücke auf. Dies ist ihre Geschichte, na ja, irgendwie zumindest.

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Das 2015 mit dem Arthur C. Clark Award ausgezeichnete Werk von Emily St.John Mandel, Das Licht der letzten Tage (OT: Station Eleven), behandelt die Erlebnisse einer Gruppe von Menschen, die alle mit dem eigentlichen Hauptcharakter, dem Schauspieler Arthur Leander, im Zusammenhang stehen. Leander selber hat jedoch bereits auf den ersten Seiten des Buches einen geradezu grandiosen Abgang – er stirbt während einer Theateraufführung von Shakespeares Stück König Lear auf der Bühne an einem Herzinfarkt. Rückblickend erzählt Mandel seine Lebensgeschichte und verwebt darin zahlreiche weitere Lebenswege von Menschen, die Leander nahe gestanden haben - vor, während und nach der Pandemie.

Was sich auf den ersten Blick nicht gerade nach einem wirklich spannenden Buch anhört, immerhin spielt es in einer postapokalyptischen Zeit in einem entvölkerten Amerika, wird auch auf den zweiten Blick nicht wirklich spannender. Bereits nach rund 100 Seiten war meine anfängliche Euphorie eine preisgekrönte Dystopie lesen zu können leicht geschwunden. Das Buch entpuppte sich als gänzlich anders als ich angenommen hatte. Aber je mehr ich las, um so besser kam ich in die Geschichte rein, umso mehr faszinierte mich die Schreibe der Autorin und – umso begeisterter wurde ich.

Das Buch ist eher eine Art Episodenroman, für mich in etwa vergleichbar mit David Mitchells Buch Der Wolkenatlas. Alle Handlungsfäden sind miteinander verwoben und führen durch die Jahrzehnte immer wieder zueinander. Selbst der ominöse Prophet, der dunkle Mann der Postapokalypse, auch er steht mit Arthur Leander im Zusammenhang. Eine Verbundenheit, die Mandel gekonnt erst gegen Ende der Geschichte hin aufdeckt und die mich überrasch hat.

Die Geschichte wird aus der Sicht verschiedener Leute, in einer nicht chronologischen Reihenfolge, erzählt. Sie springt immer wieder zwischen den Zeiten hin und her, ohne aber den Leser zu verwirren. Auch wenn sie oftmals nur so vor sich hinplätschert, schafft es Mandel immer wieder durch ihre einfühlsame, intensive und stilistisch sehr guten Schreibe die Handlung nicht ins Kitschige abgleiten zu lassen. Sie ist eine wunderbare Erzählerin und Beobachterin die ihre Charaktere vielschichtig und lebendig wirken lässt. Die Tragik, Traurigkeit und Düsternis beider Welten, vor und nach der Katastrophe, ist allezeit spürbar und verleiht so dem Buch eine ungeheure atmosphärische Dichte.

Mandel verzichtet trotz dieses Szenarios auf spektakuläre und actionreiche Erzählungen. Nur hin und wieder nimmt die Geschichte tatsächlich an Fahrt auf, wenn etwa die fahrende Symphonie sich verfolgt glaubt und einige ihrer Mitglieder nach und nach spurlos verschwinden. Jedoch spielt nur ca. ein Drittel der Geschichte in dieser postapokalyptischen Zeit, die restlichen zwei Drittel handeln von der Zeit vor der Pandemie. Und dort geht es in der Regel um Dinerpartys, Theateraufführungen oder um zwischenmenschliche Beziehungen, die Arthur mit seinen Freunden, Fans und (Ex-)Frauen pflegt. Oftmals aus seiner Sicht beschrieben, meistens jedoch aus der Sicht Dritter.

Mit Wehmut erinnern sich die Überlebenden an die Zeit vor der Katastrophe. Ihr Schmerz über den Verlust geliebter Menschen, die Hoffnungslosigkeit jemals wieder in einer zivilisierten Welt leben zu können, ja selbst der Verlust so banaler Dinge wie Internet, Handys, in einem Restaurant essen gehen zu können oder mit einem Flugzeug zu fliegen geht einem nahe. Der einzige Hoffnungsschimmer in dieser Zeit ist die fahrende Symphonie, eine Gruppe von Leuten, die den Anschein von Normalität wahren wollen. Wie schlimm kann es denn schon sein, wenn es noch eine Theatergruppe gibt die Shakespeare aufführt? Die Welt ist noch nicht verloren, aus den Trümmern der alten kann eine neue entstehen.

Was mich an dem Buch so betroffen macht ist die schon fast unaufdringliche und ruhige Art mit der die Katastrophe sich ihren Weg in unsere Normalität bahnt. Ohne Vorwarnung, ohne Waffengerassel der Weltmächte oder sich sonst irgendwie abzeichnend passiert das Unvorstellbare. Eine simple Grippe mit einem unspektakulären Namen, die sich im Osten Europas „entwickelt“, per Flugzeug über die ganze Welt weitergetragen wird und sich als absolut tödlich erweist. Das liest sich nicht einmal besonders utopisch oder gar unmöglich - es könnte sich vielmehr schon heute oder morgen genau so ereignen.

Fazit:
Das Licht der letzten Tage ist nicht für Leute geschrieben die einen harten und brutalen Überlebenskampf nach einer weltweiten Katastrophe erwarten. Es ist alles andere als actionreich oder gar spannend. Es ist ein ruhiges Buch, welches auf die zwischen-menschlichen Beziehungen der handelnden Charakter fokussiert ist und diese über Jahrzehnte hinweg begleitet. Nicht nur ein beeindruckendes und zu recht preisgekröntes Buch, sondern auch Unterhaltung im positivsten Sinne.
 
 
 


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