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Marie Graßhoff

1
Kernstaub: Über den Staub an Schmetterlingsflügeln


 
»Kernstaub: Über den Staub an Schmetterlingsflügeln« von Marie Graßhoff


Besprochen von:
 
NannyOgg
Deine Wertung:
(5)

 
 
Mara lebt im Jahr 2010 ein halbwegs normales Leben – normal, wenn man davon absieht, dass ihre Eltern tot sind und sie nur noch ihren Bruder hat, ihre Familie reich genug ist, dass sie mit Bediensteten aufwächst und sie aus unbekannten Gründen panische Angst vor Uhren hat. Besonders zu ihrem Butler Cian hat sie blindes Vertrauen. Am liebsten besucht sie ihre beste Freundin Calla, auch wenn deren Bruder Juan sie zu hassen scheint.

Ihr Leben ändert sich abrupt, als sie von Juan ein Päckchen mit einer Taschenuhr erhält und mehrere Wächter auf sie Jagd machen. Nach und nach fällt ihre Welt, in der sie sich so sicher geglaubt hat, in Stücke. Der geheimnisvolle Wächter Glen erscheint eines Tages und erzählt Mara, dass sie und Juan in Wirklichkeit schon seit Milliarden von Jahren leben, immer wiedergeboren in neuen Körpern, immer auf der Flucht vor den Wächtern, die Mara vernichten wollen. Juan ist ihr Beschützer, der sich an all die vergangenen Leben erinnern kann und jedes Mal mit ihr zusammen stirbt, damit sie zusammen wiedergeboren werden.

Glen führt Mara und Juan aus ihrem Leben in die Realität zurück, die nichts mehr mit dem Leben, das Mara kennt, gemeinsam hat. 600 Jahre in der Zukunft ist die Welt nach zwei weiteren Weltkriegen verwüstet, die wenigen Überlebenden auf der Erde haben sich in Kolonien zusammengeschlossen und versuchen, die Erde wieder aufzubauen. Während Mara noch versucht, all das zu begreifen, entfernt sich Juan, der sie sonst doch immer beschützt hat, immer weiter von ihr. Sabotageakte bedrohen das Leben der Menschen in den Ruinenstädten. Und die Wächter haben ihr Ziel, Mara zu töten, noch lange nicht aufgegeben, denn Mara ist der Kernstaub, dazu bestimmt, die Seelen aller Menschen zu vernichten.

Kommentar:
Was für ein Buch! Die erste unerwartete Herausforderung war allerdings, eine bequeme Lesehaltung zu finden, um dieses etwa 1000 Seiten dicke und ziemlich schwere Taschenbuch aufzuklappen und in die Welt von Mara und Juan eintauchen zu können. Die Sprache ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, vom Prolog habe ich so gut wie kein Wort verstanden und habe mich schon gefragt, wie ich diese 1000 Seiten jemals schaffe. Aber sobald ich mich eingelesen habe, hat das Buch einen ungeheuren Sog auf mich ausgeübt. Die Sprache ist poetisch und wunderschön, wenn man sich darauf einlässt. Die Geschichte erschließt sich langsam, Stück für Stück erfährt der Leser mehr über die Sphäre, die Quallenphase, den Kernstaub und die Realitäten. Allerdings wird das Buch aufgrund seiner Sprache, seines Erzählstils sicherlich nicht jedem gefallen. Da es nicht gerade kostengünstig ist, würde ich empfehlen, es in der Buchhandlung einmal anzulesen. Wem der Anfang gefällt, kann mit einem Kauf eigentlich nichts falsch machen.

Der Erzählstil ist sehr langsam. Da die Handlung komplex und verschachtelt ist, hilft dies, der Handlung besser folgen zu können. Allerdings hat das Buch dadurch an einigen Stellen auch Längen, eine Straffung hätte manchmal gut getan. Manches ist anfangs etwas schwer verständlich, gerade die Geschichte um den Kernstaub und die wiedergeborenen Seelen fand ich nicht immer einfach zu verstehen und teilweise auch sehr metaphysisch. Die Details sind teilweise sehr wichtig, ergeben aber erst nach und nach einen Sinn. Auf der anderen Seite gibt es vieles, was nur kurz erwähnt wird, von dem ich aber gern mehr gehört hätte, dazu gehört das Leben in den verschiedenen Phasen. Auch wenn es einige Rückblicke gibt, bleibt doch noch vieles unklar und ich hoffe, dass auch in den folgenden Büchern die Vergangenheit immer wieder zumindest kurz erwähnt wird.

Der Inhalt des Buches ist anders, als ich es erwartet habe. Ich dachte, die Geschichte spielt mehr oder weniger in unserer Zeit und sei hauptsächlich eine Liebesgeschichte von zwei Seelen auf der Flucht, rettet Juan Mara doch immer wieder. Die Liebesgeschichte nimmt dagegen weniger Raum ein als erwartet, auch die Zeit, in der die Handlung zum größten Teil spielt, ist eine ganz andere. Vieles ereignet sich in unserer Zukunft, einer Welt, die von einem Atomkrieg verwüstet ist. Die Welt außerhalb der Sphäre, die Realität ist sehr düster und deprimierend, die Menschen haben mehr oder weniger aufgegeben und leben nur noch, um zu überleben. Der Wiederaufbau der Welt kommt nicht voran, es gibt keine Pflanzen, keine Tiere mehr. Auch wenn ich in dieser Zeit nicht würde leben wollen, fand ich viele Aspekte dennoch interessant, wie zum Beispiel die EneCs oder die fliegenden Städte. Mir haben vor allem auch die Rückblicke gefallen, die in der unmittelbaren Zukunft spielen und zeigen, wie die Welt zu der wurde, die sie in der Geschichte ist. Aber auch da ist noch vieles offen geblieben und ich hoffe, dass ich im nächsten Buch noch mehr aus dieser Zeit erfahre.

Probleme hatte ich öfters mit den Protagonisten Mara und Juan. Juan war mir eigentlich schon von Beginn an unsympathisch und das hat sich im Buch auch nicht geändert. Mara ist eigentlich sympathisch, aber ich hätte mir oftmals gewünscht, dass sie ein bisschen mehr eine Kämpferin wäre und nicht immer so schnell aufgibt. Gerade am Anfang, als sie die Realität kennenlernt, will sie nur noch zurück in ihr altes Leben, mag nichts mehr essen und gibt auf. Das fand ich etwas anstrengend. Außerdem habe ich einfach nicht verstanden, was Mara an Juan beziehungsweise seinem älteren Ich empfindet, da dieser sie auch in früheren Leben anscheinend öfter geschlagen hat, einerseits einen Kontrollzwang hat, andererseits Mara ständig Verachtung entgegenbringt. Trotzdem läuft Mara ihm wie ein Hündchen nach und bettelt nach seiner Aufmerksamkeit. In einigen Kapiteln hat mich das massiv gestört. Glen mochte ich dagegen sehr, auch wenn er, wie alle in diesem Buch, auch seine düsteren Seiten hat. Jeder der Charaktere hat seine Geheimnisse, Stärken und Schwächen, seine positiven wie auch negativen Seiten. Besonders gefallen haben mir auch die Rückblicke, die von Mara und Juan in früheren Leben handelten.

Die Bücher aus dem Drachenmond-Verlag sind alle immer liebevoll ausgeschmückt, zum Beispiel mit kleinen Illustrationen zu Beginn der Kapitel. Dieses Buch macht keine Ausnahme, im Gegenteil, die vielen kleinen Schmetterlinge, Quallen und Uhren auf den einzelnen Seiten fand ich einfach nur wunderschön und unterstreichen den Inhalt optisch.

Fazit:
Wer bereit ist, sich auf die Sprache und den langsamen Aufbau der Geschichte einzulassen, wird mit einer spannenden Geschichte in einer düsteren Zukunft belohnt, die zumindest mich vollständig in ihren Bann gezogen hat. Wer danach noch nicht genug hat, kann beruhigt sein, denn dieses Buch ist nur der Auftakt einer Trilogie, die mit „Weltasche – Über das Gift an Quallenmembranen“ ihre Fortsetzung findet.
 
 
 


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