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Das Science Fiction Jahr 2012


 
»Das Science Fiction Jahr 2012« von


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4)

 
 
Alle Jahre wieder ... kommt nicht nur der Weihnachtsmann, sondern auch im Heyne Verlag der Rückblick auf das vergangene Science Fiction Jahr. Und wieder mal bin ich positiv überrascht mit welcher Akribie und Umsicht die Herausgeber recherchiert haben. Es ist bestimmt nicht einfach und daher auch eine beachtliche Leistung, all die Verlage, Filme, Bücher und dergleichen mehr, von denen selbst ich noch nie etwas gehört habe, zu eruieren. Respekt an die Macher!

Das vorliegende Buch, rund 989 Seiten dick, lässt sich bequem in drei Abschnitt einteilen. Im ersten Abschnitt, Feature genannt, gibt es ein paar allgemeine Abhandlungen diverser Genrekenner über Gott und die Welt. Den Anfang macht Margaret Atwood (vielen wohl bekannt als die Autorin von Der Report der Magd) in Meine Abenteuer im Unfugland. Sie gibt hierin einen kurzen und humorvollen Abriss über ihre ersten Schreib- und Gehversuche im phantastischen Bereich, wobei ihre fliegenden Kaninchen namens Blue Bunny und White Bunny, die kuriose Abenteuer im Unfugland erleben, im Vordergrund stehen. Glücklicherweise hat sie sich im spätern Autorenleben anderen Hauptdarstellern zugewandt. Auch dem Bereich Superhelden widmet sie einen kurzen Erfahrungsbericht. Alles in allem ein recht lesenwerter Beitrag und ein netter Einstieg ins Buch. In weiteren Essays schreiben Reiner Eisfeld, Siedler an einer fremden Grenze, und Klaus N. Frick, Ein Münchner in Atlan Village, ihre Nachrufe zu den beiden im Jahr 2012 verstorbenen SF Autoren Ray Bradbury und Han(n)s Kneifel, wobei letzterer besonders den Perry Rhodan Lesern (so auch mir) bekannt sein dürfte. Während man Han(n)s Kneifel noch als ausgesprochenen Vielschreiber bezeichnen kann, erwarb sich Ray Bradbury eher durch eine Handvoll Romane, darunter die beiden Genre-Bestseller Fahrenheit 451 und Die Mars-Chroniken, einen international anerkannten Namen.

Ein weiterer schöner Beitrag wurde von Gary K. Wolfe geschrieben, Die ewigen Pioniere – Von der Horse Opera zur Space Opera. Wolfe beleuchtet hier gewohnt gekonnt und mit viel Hintergrundwissen (Wolfe ist Kritiker und Biograf) die Verbindung und Verzahnung der früheren Western-Literatur mit der SF-Literatur, wobei er zu dem Ergebnis kommt, dass das eine, die Extrapolation des anderen, nur in die ferne Zukunft, darstellt. Man mag es ihm gerne glauben. Des Weiteren gibt es in Die lange Reise zum Mars einen Beitrag von David Hughes zu der John Carter Reihe von Edgar Rice Burroughs. Hier werden dem Leser die Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung des Buches zu einem adäquaten Kinofilm auftraten, nahe gebracht. Da es viele Anläufe für die Umsetzung gab, ist die Geschichte der Verfilmung eine wahre Anhäufung hanebüchener Katastrophen – genau wie für viele Fans der Reihe der Film selber.

Dietmar Dath befasst sich in dem Beitrag Verrückte Vernunft mit dem Autoren Philip Kindred Dick und dessen Werken, wobei er besonders sein Buch Valis unter die Lupe nimmt. Allerdings schreibt Dath den Beitrag in seinen bekannten Monstersätzen, und entpuppt sich dabei als Autor, der es schafft, mit nur einem Satz gleich eine komplette Seite zu füllen (gut, vielleicht etwas übertrieben). So ist der Beitrag an vielen Stellen für mich leider unleserlich und auch etwas zu abgehoben. Hiernach interviewt Hartmut Kasper (Perry Rhodan Lesern als Wim Vandemaan bekannt) in Das Leben der Urzeitkrebse den Autoren Heinrich Steinfest. Ein schönes Interview das durchaus das Interesse an den Büchern von Herrn Steinfest bei mir geweckt hat.

In Auf der Spur des absoluten Bildes wandelt Andreas Platthaus auf den Spuren des, ebenfalls im Jahr 2012 verstorbenen, französischen Comiczeichners Jean Giraud, auch bekannt als Moebius. Für mich als Nicht-Comic-Leser ein dennoch interessanter Beitrag, war mir der Künstler doch zumindest vom Namen her nicht unbekannt. Ebenfalls nicht unbekannt, dafür aber recht enttäuschend, war der finnische Film Iron Sky, mit dem sich Christian Endres in seinem Beitrag Your Movie wants you! näher befasst. Hier wird insbesondere die Finanzierung des Filmes über Crowdfunding unter die Lupe genommen und abgewogen, inwieweit sie sich für Projekte im Low-Budget Bereich eignet. Einen Ausflug in den Bereich Computerspiele wagt Carsten Göring in seinem Beitrag Von Nerds und Raketenbauern. Hier wird die, man muss es schon so sagen, bahnbrechende Arbeit von John Carmack vorgestellt, einem Visionär und unglaublich talentierten Spieleentwickler. Hut ab vor ihm. Was folgt ist ein Beitrag von Sascha Mamczak und Sebastian Pirling. In einem Interview, das beide mit dem bekannten Autoren und Online-Aktivisten Cory Doctorow geführt haben, wird Der Kompost der Vergangenheit näher beleuchtet.

Der erste Abschnitt endet mit zwei, für mich nicht ganz so prickelnden, Beiträgen. In Bestehen Delphine den Touringtest? musste ich zuerst und voller Vorfreude an David Brin und seine Uplift Geschichten denken. Letzten Endes entpuppte sich der Beitrag dann jedoch als ein Interview von Uwe Neuhold mit dem Professor Klaus Mainzer über das Thema Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Evolution. Hier sprachen zwei Fachleute über das zukünftige Mögliche, ließen mich als Laien jedoch bei dieser (für Kenner vermutlich hochinteressanten Diskussion) außen vor. Zu hochgestochen und wissenschaftlich das ich in vielen Teilen einfach nicht mehr folgen konnte (und auch irgendwann nicht mehr wollte). Im letzte Beitrag Testament für die Technoevolution, welcher etwas humorvoll aufgemacht ist, gibt ein fiktiver Operator einen kurzen Abriss über ein Symposium zur Lemologie im Jahr 2164 wieder. Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeiten und die Ansichten des Autoren Stanislaw Lem. Mit diesem Beitrag endet auch der erste Abschnitt des Buches.

Im zweiten Abschnitt, beginnend auf Seite 213 und kurz Review genannt, werden viele Neuerscheinungen im Bereich Buch, Film, Comic, Hörspiel und Games des vergangenen Jahres vorgestellt. Zu allem gibt es, mehr oder weniger, umfang- und hilfreiche Kommentare, Anmerkungen und Rezensionen. Manche sind mitunter recht maliziös geschrieben und lassen eine objektive Sichtweise vermissen. Die immer gleichen Rezensenten begnügen sich damit, die Filme oder Bücher zu verreißen und oftmals (nicht immer!) die eigene Meinung über alles zu stellen. Pauschalurteile werden gefällt und meiner Ansicht nach zu viel verallgemeinert. Dennoch ist das ganze recht informativ und, gerade im Bereich Film, habe ich noch jede Menge ungesehener Perlen entdeckt die nur darauf warten von mir konsumiert zu werden.

Der dritte und letzte Abschnitt, beginnend auf Seite 773, ist kurz und bündig mit Fact betitelt. Hier wird in der Regel ausnahmslos der Bereich Buch unter die Augen genommen, wobei das Augenmerk auf den nationalen und internationalen, sprich englischsprachigen, Markt gerichtet ist. Es handelt sich hierbei um eine Auflistung der Neuerscheinungen in den amerikanischen und englischen Verlagen, sowie bei deren deutschen Kollegen. Und dort scheint wirklich jeder deutsche Verlag, der auch nur annähernd Genreliteratur im Programm anbietet, aufgeführt worden zu sein. Eine wirklich lückenlose und umfassende Übersicht, in der man als Leser noch viele gute Tips und Vorschläge entdecken kann. Abgerundet wird das ganze mit einer ebenso umfassenden, wie übersichtlichen, Auflistung aller bekannten Genrepreise in Europa und Amerika, angefangen bei den hoch angesehenen Nebula, Hugo und Locus Awards im internationalen Bereich, bis hin zum Deutschen Phantastik- und Kurt Lasswitzpreis. Hier haben die Herausgeber wieder mal eine, im wahrsten Sinne des Wortes, phantastische Arbeit geleistet.

Der Preis von 32,99 Euro ist mit Sicherheit für dieses fast 1000 Seiten umfassende Werk nicht gerade ein Schnäppchen. Angesichts der Tatsache das die Auflage vermutlich nicht recht hoch sein wird, ist er dennoch vertretbar. Außerdem ist es für viele Fans des Genres ein schönes Extra, wenn sie am Ende des Jahres noch einmal auf eine umfassende Art und Weise über das vergangene Jahr informiert werden. So hat man alles Wichtige auf einen Blick und kann sich auf die Schnelle oder Unterwegs, ohne gleich wieder das Internet oder die Wikipedia zu bemühen, informieren. Und das hat auch etwas für sich.
 
 
 


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